Die Imagination Gap – Warum Vorstellungskraft der eigentliche Engpass für eine erfolgreiche KI-Implementierung ist

Die Imagination Gap – Warum Vorstellungskraft der eigentliche Engpass für eine erfolgreiche KI-Implementierung ist

Wer sich regelmäßig auf LinkedIn bewegt, kennt das Bild: Infografiken erklären, was ein Large Language Model ist. Karussell-Posts nennen die zehn besten KI-Tools für jede nur denkbare Aufgabe. Und dazwischen finden sich die Gründe, weshalb 80, 90 oder mehr Prozent aller KI-Projekte scheitern.

An Informationen und Tools mangelt es also offensichtlich nicht. Allein auf Plattformen wie HuggingFace stehen mittlerweile knapp zwei Millionen KI-Modelle bereit. Die Zahl der KI-Tools auf dem Markt hat die Marke von 22000 überschritten, verteilt auf über 230 Kategorien [1]. Gleichzeitig wuchs der KI-Markt für Unternehmenssoftware in ungeahnte Größen: Wer ein spezifisches KI-Tool sucht, der findet nicht nur eins, sondern gleich zehn oder gerne auch hundert, die alle das Versprechen gemeinsam haben, genau dieses eine spezifische Problem zu lösen.

Was paradox erscheint: Trotz all dem stockt die KI-Transformation im Mittelstand. Das liegt offensichtlich nicht am Zugang zur Technologie und auch nicht am fehlenden KI-Grundlagenwissen. Wir glauben, es stockt wegen eines Phänomens, über das erstaunlich wenig gesprochen wird.

TL;DR:
Die zentrale Hürde für KI-Adoption im Mittelstand ist weder fehlende Technologie noch fehlendes Wissen – sondern fehlende Vorstellungskraft.
85 Prozent aller Wissensarbeitenden sehen keinen wertschöpfenden Anwendungsfall für KI in ihrer täglichen Arbeit (Section AI Proficiency Report, 2026). Nur fünf Prozent aller Unternehmen generieren substanziellen wirtschaftlichen Wert aus KI (BCG, 2025). Die Ursache: Unternehmen lösen die falschen Probleme, erkennen unsichtbare Reibung nicht als Engpass – oder setzen KI auf überflüssige Aufgaben an.
Die Lösung liegt nicht in mehr Tools, sondern in drei Hebeln: Vorstellungskraft gezielt steigern, vorhandenes Prozesswissen als strategischen Vorteil nutzen und Befähigung vor Technologie stellen.

Die eigentliche Frage lautet nicht „Welches Tool?“, sondern „Wie mit KI?“

Eine Studie der Royal Bank of Canada und der University of Toronto (Munk School of Global Affairs) hat 2025 einen Begriff für dieses Phänomen geprägt: die Imagination Gap – oder eingedeutscht die Vorstellungslücke.

Die Kernthese: Die zentrale Hürde für KI-Adoption ist weder ein Mangel an Technologie noch an Talent und Wissen, sondern die weitverbreitete Schwierigkeit von Unternehmen, sich vorzustellen, an welchen Stellen KI konkret einen Beitrag für die Unternehmensprozesse leisten kann [2].

Das klingt zunächst nach einem enormen Widerspruch, ist aber in der Praxis allgegenwärtig. Section AI Proficiency Report aus dem Januar 2026 – eine Befragung von 5000 Wissensarbeitenden – macht die Herausforderung ebenfalls greifbar: 85 Prozent aller Mitarbeitenden sehen keinen wertschöpfenden Anwendungsfall für KI in ihrer täglichen Arbeit [3]. Und das nicht, weil es an KI-Tools fehlt. Auch nicht, weil sie nicht wissen, wie man einen Prompt schreibt. Sondern weil ihnen einfach die Vorstellungskraft dafür fehlt, welche Prozesse oder Aspekte ihrer täglichen Arbeit auf effiziente Weise mit KI umgesetzt oder unterstützt werden könnten [3].

Die Studie formuliert es so: Die größte Herausforderung im Umgang mit KI ist nicht das Erlernen von deren Bedienung, sondern das Erkennen, wofür KI eingesetzt werden kann [3].

Imagination Gap – Warum entsteht die Lücke in der KI Adoption?

Die RBC/Munk-School-Studie beschreibt mehrere Mechanismen, die erklären, woher die Vorstellungslücke kommt [2].

Der erste dieser Mechanismen ist die Paralyse des Überflusses (Paralysis of Plenty). KI eröffnet ein so breites Feld an Möglichkeiten, dass schon die schiere Auswahl zu einer gewissen Handlungsunfähigkeit führt oder zu einer Entscheidungslähmung (Decision Paralysis). Sich zu entscheiden, den ersten konkreten Anwendungsfall auszuwählen, wird zum Engpass – nicht weil die Möglichkeiten fehlen, sondern weil zu viele gleichzeitig verfügbar sind [2].

Der zweite Mechanismus betrifft blinde Flecken (Blind Spots) – oder, um es noch präziser zu formulieren: Dinge, von denen man nicht einmal weiß, dass man sie nicht weiß. Unternehmen erkennen das explorative und diagnostische Potenzial von KI nicht, weil ohne eigene KI-Erfahrung schlicht die Vorstellung fehlt, was KI möglich machen kann [2]. Anders: Wer nie erfahren hat, was eine gut trainierte KI jenseits von grundlegenden Anwendungsfällen leisten kann, der kann sich dieses Potenzial auch nicht erschließen und als Lösung implementieren.

Der dritte ist der Schwund der internen Treiber (Champion Churn): Wenn die Person, die ein KI-Pilotprojekt vorangetrieben hat, die Rolle wechselt oder das Unternehmen verlässt, erbt der Nachfolger zwar oft das Risiko, aber nicht immer auch die Überzeugung und Begeisterung für das Projekt [2].

KI kann Muster sichtbar machen, die im Tagesgeschäft unsichtbar bleiben. Sie kann Prozesse challengen, die niemand mehr hinterfragt, weil sie schon immer so gelaufen sind.

Wenn die Imagination Gap zuschlägt: Die falschen Probleme lösen

Die Vermutung liegt nahe, dass sich die Imagination Gap primär in Stagnation zeigt. Sie zeigt sich jedoch auch – und das ist vielleicht interessanter für diese Betrachtung – in Aktivität und Einsatz an den falschen Stellen: Unternehmen, die mit KI loslegen, damit aber die falschen Probleme bearbeiten.

Die RAND Corporation stellte 2024 fest, dass über 80 Prozent aller KI-Projekte scheitern. Ursache Nummer eins: ein grundlegendes Missverständnis darüber, welches Problem eigentlich gelöst werden soll [6]. Das ist die Imagination Gap in Aktion. Nicht ein Mangel an technischer Umsetzung, sondern ein Mangel an Problemverständnis – die Unfähigkeit, das richtige Problem zu identifizieren, das mit KI gelöst werden sollte – nämlich das Problem, bei dem der Einsatz von KI tatsächlich einen Wertschöpfungszuwachs bedeutet.

Gartner prognostizierte in einer Studie aus dem Jahr 2024, dass mindestens 30 Prozent aller generativen KI-Projekte nach dem Proof of Concept eingestellt werden – nicht wegen technischen Versagens, sondern wegen unklaren geschäftlichen Nutzens [7].

Übersetzt und zusammengefasst heißt das vermutlich: Diese Unternehmen haben ein Problem identifiziert, es technisch gelöst, nur um anschließend festzustellen, dass die Lösung keinen wirklichen wirtschaftlichen Beitrag leistet.

Die Imagination Gap – Warum Vorstellungskraft der eigentliche KI-Engpass ist Meta-Description: 85 Prozent aller Mitarbeitenden sehen keinen wertschöpfenden Anwendungsfall für KI – nicht wegen fehlender Tools, sondern wegen fehlender Vorstellungskraft. Was die Imagination Gap für den Mittelstand bedeutet. URL-Slug:imagination-gap-ki-vorstellungskraft-engpass

Die Frage lautet nicht: Welches KI-Tool sollen wir kaufen? Die Frage lautet: Was könnte KI in unserem Unternehmen möglich machen, das wir bisher nicht für möglich gehalten haben?

Das Problem mit dem „richtigen Problem“ ist das entscheidende Problem

Ob man solch ein Problem mit KI löst, mit einer Tabellenkalkulation oder mit einem Abakus, ist letztlich irrelevant. Wenn die Lösung des Problems an sich keinen Nutzen für das Unternehmen mit sich bringt, dann kann kein Tool der Welt daraus Wertschöpfung erzeugen.

BCGs „Build for the Future“-Studie von 2025 bestätigt das Gesamtbild: Nur fünf Prozent aller Unternehmen generieren substanziellen wirtschaftlichen Wert aus KI. 60 Prozent erzielen trotz erheblicher Investitionen keinen messbaren Nutzen [4]. McKinseys State of AI Report kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: 88 Prozent der Organisationen setzen KI in mindestens einer Funktion ein, aber nur sechs Prozent qualifizieren sich als „High Performer“ [5].

Unsere Interpretation: Die Kluft zwischen Tool-Zugang und tatsächlicher Wertschöpfung, die durch die High Performer entsteht, ist enorm – und sie erklärt sich nicht durch technologische Defizite, sondern durch eine Lücke in der strategischen Vorstellungskraft, um die „richtigen Probleme“ mit KI zu adressieren.

Unsichtbare Reibung: Probleme, die niemand als Probleme erkennt

Die Imagination Gap hat aber noch eine andere Dimension. Es geht nicht nur darum, die „richtigen Probleme“ auszuwählen, bei denen der Einsatz von KI tatsächlich einen Mehrwert darstellt. Es geht auch um die Herausforderung, tatsächliche Probleme gar nicht erst als solche zu erkennen – weil sie bereits als typischer Arbeitsaufwand normalisiert wurden. Oder anders: Das haben wir schon immer so gemacht.

Studien zeigen: Mitarbeitende verbringen im Durchschnitt 1,8 Stunden pro Tag – also 9,3 Stunden pro Woche – mit der Suche nach Informationen [8]. Das ist rund ein Fünftel der gesamten Arbeitszeit, gebunden in unsichtbarer Reibung. Niemand würde diese Informationssuche als „Problem“ auf die Agenda setzen – sie gehört eben zum Arbeitsalltag. Genau deshalb taucht sie auf keiner Liste von KI-Anwendungsfällen auf. Und genau deshalb ist sie ein Beispiel für die Imagination Gap: ein realer Engpass, der unsichtbar bleibt, weil er nie als solcher hinterfragt wurde.

Das Gegenstück dazu beschreiben Forschende der Universität Leeds als „efficient inefficiency“ [9]: Unternehmen, die KI auf Aufgaben ansetzen, die von Anfang an überflüssig sind – und damit den Leerlauf lediglich beschleunigen, statt ihn zu beseitigen. Auch das ist eine Folge der Imagination Gap. Wer nicht erkennt, welche Aufgaben tatsächlich wertschöpfend sind, läuft Gefahr, mit KI die falschen Probleme effizienter zu lösen und doch keinen wertschöpfenden Beitrag zu leisten. [LINK: KI in der Produktion – anderer Hallenboden, ähnliche Herausforderungen?]

Wie wird KI zum Diagnoseinstrument statt nur zum Beschleuniger?

Die strategisch interessante Frage ist doch: Was geschieht, wenn ein Unternehmen KI nicht nur als Werkzeug zur Beschleunigung einsetzt, sondern als Instrument zur Diagnose?

KI kann Muster sichtbar machen, die im Tagesgeschäft unsichtbar bleiben. Sie kann Prozesse challengen, die niemand mehr hinterfragt, weil sie schon immer so gelaufen sind. Sie kann – bildlich gesprochen – als Röntgengerät fungieren, das zeigt, in welchen Prozessen Reibung entsteht oder Energie nicht nutzbringend eingesetzt wird, weil kein substanzieller Mehrwert für das Unternehmen generiert wird.

Und sie kann noch etwas: das implizite Wissen, das in den Köpfen der Mitarbeitenden steckt, systematisch erschließen. In vielen Unternehmen sind die wichtigsten Prozesse, Entscheidungsregeln und Erfahrungswerte nie ausführlich dokumentiert und hinterfragt worden. Sie existieren als internes Expertenwissen – aber nicht als verschriftlichtes Wissen. Das ist nicht nur ein Risiko für die Organisation, sondern auch ein fundamentales Hindernis für den Einsatz von KI: Ohne Kontext kann KI nur bedingt wertschöpfend arbeiten.

Unternehmen, die ihre Prozesse und ihr Domänenwissen systematisch dokumentieren – und KI kann dabei ein idealer Sparringspartner sein –, schaffen gleichzeitig die Grundlage für wertvolle KI-Anwendungsfälle.

Dafür braucht es allerdings Menschen, die wissen, wo sie hinschauen müssen. Und genau hier schließt sich der Kreis.

Die Lösung liegt nicht in „mehr Technologie“, sondern in „mehr Vorstellungskraft“

BCGs viel zitiertes 10-20-70-Prinzip für erfolgreiche KI-Implementierung beziffert den Anteil der Technologie auf 10 Prozent Algorithmen und 20 Prozent Daten und Infrastruktur. Die verbleibenden 70 Prozent entfallen auf Menschen und Prozesse [10]. Um Menschen zu befähigen, zu begeistern – und ihnen die Vorstellungskraft zu erschließen, wo KI in ihren täglichen Arbeitsabläufen tatsächlich eine hilfreiche Unterstützung sein kann. [LINK: Wenn KI die Arbeit intensiviert, statt sie zu reduzieren]

Die Imagination Gap schließt sich also nicht durch mehr Wissen über KI-Tools und auch nicht durch bessere Infografiken. Sie schließt sich, indem Unternehmen drei Dinge systematisch angehen.

Erstens: Vorstellungskraft gezielt steigern. Das klingt ungewohnt im Kontext von Technologieimplementierung, ist aber der entscheidende erste Schritt. Unternehmen benötigen strukturierte Formate, in denen Teams ihre eigenen Arbeitsprozesse mit neuen Augen betrachten. Nicht die Frage „Was kann KI?“ steht am Anfang, sondern die Frage „Wo entsteht bei uns Reibung, die wir nicht mehr hinterfragen?“

Zweitens: Vorhandenes Prozesswissen als strategischen Vorteil nutzen. In einer Welt, in der jedes Unternehmen auf dieselben KI-Modelle zugreifen kann, wird der organisatorische Kontext zum Differenzierungsmerkmal [11]. Ihre Mitarbeitenden kennen die Arbeitsabläufe, die Ausnahmen, die Workarounds und die wiederkehrenden Engpässe. Dieses Wissen ist der Rohstoff, aus dem wertschöpfende KI-Anwendungsfälle entstehen – aber nur, wenn es systematisch erschlossen wird.

Drittens: Befähigung vor Technologie. Prosci hat in einer Studie mit über 1.100 Fachleuten festgestellt, dass 38 Prozent aller Herausforderungen bei der KI-Einführung auf mangelnde Kompetenz der Nutzenden zurückzuführen sind – gegenüber nur 16 Prozent auf technische Implementierungsprobleme [12]. Befähigung bedeutet nicht, Schulungen über Prompting-Techniken anzubieten. Es bedeutet, Mitarbeitenden die Sicherheit zu geben, KI als Werkzeug in ihre eigene Fachkompetenz zu integrieren – ohne die Angst, ersetzt zu werden, und mit dem Freiraum, zu experimentieren.

Warum betrifft die Imagination Gap auch den Mittelstand?

Die Imagination Gap ist kein technisches Problem. Sie ist ein strategisches. Und sie betrifft den deutschen Mittelstand in besonderem Maße: 81 Prozent der deutschen Unternehmen sehen KI als die wichtigste Zukunftstechnologie [13]. Aber nur sechs Prozent setzen sie in mehreren Geschäftsbereichen ein [14]. Die größte Hürde, die das Institut der deutschen Wirtschaft identifiziert hat, ist nicht fehlende Technologie, sondern der als schwer einschätzbar wahrgenommene Nutzen von KI – mit 62,7 Prozent der am häufigsten genannte Hinderungsgrund [14].

Das ist die Imagination Gap in einer Zahl.

Die gute Nachricht: Der Mittelstand bringt genau die Voraussetzungen mit, die es braucht, um diese Lücke zu schließen. Tiefes Domänenwissen, Prozessorientierung, kurze Entscheidungswege und Mitarbeitende, die ihr Geschäft kennen. Es fehlt nicht an KI-Kompetenz. Es fehlt an einer systematischen Herangehensweise, die vorhandene Fachkompetenz mit den Möglichkeiten der KI zusammenzubringen.

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Quellen:

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